Above and Below

118 min. / 2015 / Englisch (UT: Deutsch) / Schweiz, Deutschland

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Tags: Aussenseiter, Experimentelle Doku, Gesellschaft, Militär, Surrealität, USA, Wüste

Vom Mars. Auf die Erde. Unter die Oberfläche.

Regie & Buch: Nicolas Steiner
Kamera: Markus Nestroy
Schnitt: Kaya Inan
Produzenten: Brigitte Hofer, Cornelia Seitler, Helge Albers

ABOVE and BELOW ist eine raue Achterbahnfahrt mit Überlebenskünstlern in einer Welt voller Herausforderungen und Schönheit. Rick & Cindy in den Flutkanälen tief unter den funkelnden Strassen von Las Vegas, Dave in einem verlassenen Bunker im ausgetrockneten Niemandsland und April in der steinigen Wüste Utahs auf ihrer Marsmission. In unbekannte Welten geschleudert, begegnen wir Seelen, die uns verwandter sind, als wir es vermuten würden.

CAST
Edward „Lalo the Godfather“ Cardenas
Cynthia „Cindy“ Goodwin
Richard „Rick“ F. Ethredge
Campus Martius Crew 120

at MarsDesertResearchStation
April Davis – Crew Geologist
Nora Swisher – Crew Astronomer & Health/Safety Officer
Diane Turnshek – Crew Astronomer
Derek Pelland – Crew Executive Officer
Erick Tijerno – Crew Engineer
John J.Reynolds – Commander

David „Dave“ B.Reesey
Joanne Johnson

CREW
Regie & Buch: Nicolas Steiner
Kamera: Markus Nestroy
Schnitt: Kaya Inan
Ton: Tobias Koch, Bertin Molz
Sounddesign: Tobias Koch
Musik: Paradox Paradise, Jan Miserre, John Gürtler
Produktionsleitung: Laura Killian
Produktion: Filmakademie Baden Württemberg – Jakob Neuhäusser
Produzenten: Brigitte Hofer, Cornelia Seitler, Helge Albers
Grading: Natalia Maximova
Schnitt Beratung: Michael Taylor
VFX Supervisor: Roman Kälin

Eine Produktion von
maximage, Flying Moon und / and Filmakademie Baden-Württemberg

in Koproduktion mit
SRF, Schweizer Radio und Fernsehen
ZDF/3sat

mit finanzieller Unterstützung von
Bundesamt für Kultur
MFG Filmförderung Baden-Württemberg
Kanton Wallis
Kulturförderung, Migros-Kulturprozent
Filmförderungsanstalt
Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien
Caligari Preis 2012 des Fördervereins der Filmakademie e.V.
Suissimage
Succes passage antenne

im Verleih von (DE)
déjà-vu Film

Nicolas Steiner ist 1984 in der Schweiz geboren und in einem kleinen Dorf im Wallis aufgewachsen. Während seiner Zeit am Gymnasium wirkt er als Darsteller in mehreren Schweizer Spielfilmen mit und arbeitet als Totengräber. Er spielt in verschiedenen Bands Schlagzeug und leistet später seinen Militärdienst als Perkussionist in der Militärmusik. 2005/06 besucht er das European Film College in Dänemark und studiert danach für ein Jahr an der Universität Zürich Ethnologie und Filmwissenschaft. Ab 2007 lernt er das Regie-Handwerk an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg. Sein erfolgreichster Kurzfilm Ich bin’s Helmut wurde an über 240 Festivals in allen fünf Kontinenten der Welt gezeigt und erhielt 42 Preise und lobende Erwähnungen, darunter auch die Nominierung zum deutschen Kurzfilmpreis 2010. Ich bin’s Helmut wurde zusammen mit Fotoarbeiten in Museen und Ausstellungen gezeigt. 2010 erhält er ein FULBRIGHT Stipendium am San Francisco Art Institute, wo er sich vor allem der analogen Fotografie und Entwicklung von Brettspielen widmet. 2014 verbringt er als Artist in Residence des Kanton Wallis in Brooklyn, NYC. Above and Below ist seine Regie-Diplomarbeit an der Filmakademie Baden-Württemberg und zugleich sein Debütfilm.

FILMOGRAPHIE (Auswahl)

2015
ABOVE AND BELOW, 118 Min., Dokumentarfilm, Arri Alexa, DCP Schweiz: maximage GmbH, Deutschland: Flying Moon.
Festivals: Weltpremiere Rotterdam International Film Festival, Tiger Awards Competition, Filmfestival Max-Ophüls-Preis, Wettbewerb Dokumentarfilm

2011
KAMPF DER KÖNIGINNEN, 72 Min., Dokumentarfilm, Red One & Phantom HD, Nicolas Steiner, Filmakademie Baden-Württemberg.
Festivals (Auswahl): Weltpremiere Berlinale 2011, Bradford int Film Festival, Cinequest San Jose, Duisburger Filmwoche, Internationales Filmfestival Locarno, Flahertiana Film Festival etc

2010
ICH BIN’S HELMUT, 11 Min., Kurzfilm, 16mm, blow-up 35mm, Nicolas Steiner, Filmakademie Baden-Württemberg.
Festivals: Wurde an über 240 Festivals gespielt, hat 42 Preise gewonnen, u. A. Best Swiss Short Award (International Swiss Shortfilmdays), Grand Prix Short Shorts Asia Tokyo, Filmförderpreis Kulturministern (22. Filmfest Dresden), Museum of Modern Arts New York

2009
BLITZ & DONNER, WINDGEFAUCH, 34 Min., Dokumentarfilm, S16mm-HDCam, Nicolas Steiner, Filmakademie Baden-Württemberg.
Festivals: Filmschau Baden-Württemberg, Solothurner Filmtage

2008
SCHWITZE, 8 Min., Kurzfilm, blow-up 35 mm, Nicolas Steiner, Filmakademie Baden-Württemberg.
Festivals: Wurde an über 50 Festivals gezeigt, Auswahl: Internationales Filmfestival Locarno, Palm Springs Filmfestival, Solothurner Filmtage, Kurzfilmfestival Krakau, Bamberger Kurzfilmtage, Manchester European Short Film Festival

„Drubär und Drunnär“ wäre wohl das Walliserdeutsche Pendant zu ABOVE and BELOW. Und wenn ein Walliser diesen Ausdruck benutzt, dann haben entweder die Trauben bei der Ernte die nötigen Öchsle Grad nicht erreicht oder ein chaotisches Leben steht an. Das muss sich nicht nach außen zeigen, aber innen drin, da ist es „Drubär und Drunnär.“ Diese Befindlichkeit fand ich als Ausgangslage für meinen Diplomfilm durchaus adäquat.

In ABOVE and BELOW habe ich mich auf die Suche nach Helden in eher ungewohnten Lebensräumen gemacht – Zufluchtsorte und Schutzgemache. Es ging um das Oben und Unten. Um hell und dunkel. Da herrscht die Sonne und schmilzt alles unter ihr. Dort herrscht die Dunkelheit, die ein schützendes Dach bildet und Licht kommt nur spärlich vor. Licht kann töten, Schatten ebenso. Ein vorsichtiger Versuch eines Rück- und Vorausblicks, wie der Mensch existiert, atmet und sich anpasst. Vom zu erobernden All in den abgerissenen Militärbunker und schlussendlich gestrandet in den Katakomben der vom Menschen erschaffenen paradiesischen Glitzer- und Glamourhölle: Ein dreijähriger Trip, den ich mit April, David, Rick&Cindy, Lalo „der Pate“ und einem unersetzlichen Team erleben durfte: Das war für mich ABOVE and BELOW.

Vom Mars. Zur Erde. Unter die Oberfläche – dieses Konzept kristallisierte sich in meiner Recherche sehr bald heraus. Auf der Suche nach möglichen Protagonisten, bin ich auf drei Begriffe gestoßen, die mich bereits für eine analoge Fotoserie während meines Studienaufenthaltes in Kalifornien, beschäftigten: Cowboys, Ghosts and Aliens. Nicht direkt verbaliter, sondern in ihrer gedanklichen Übersetzung. Vermutlich aus Sicht eines Auswärtigen und Fremden, vielleicht auch als amerikanische Selbstwahrnehmung, die sich entweder in die Vergangenheit zu den Cowboys, oder die Zukunft zu den Aliens orientiert. Dazwischen hängen die Ghosts – eine denkbare Metapher für eine gewisse Orientierungslosigkeit dieses großen, faszinierenden Landes, dessen Gesellschaftsschere sich kontinuierlich weiter öffnet. Ich fühlte mich von Beginn weg angezogen und irritiert, dadurch ergab sich ein fruchtbares Spannungsfeld für diesen Film.

Die Lebensweisen und Geschichten dieser Helden haben mich zutiefst fasziniert. Die Gespräche in ihren Wohnzimmern verblüfft. Der tägliche Überlebenskampf angestachelt, ihnen eine Stimme und ein Gesicht zu geben. Anfangs wohl das einzige, was ich Ihnen wirklich bieten konnte. Ich kann mich identifizieren mit ihrer Suche und der Flucht, auf der sie sich befinden. Ihre Tatkraft, eine Vergangenheit zu meistern, die sie womöglich in ihre Situation getrieben hat. Ich war neugierig auf das Wissen und Erleben, dass sie mir voraus hatten. Dieser Film stellte für mich auf allen Ebenen den richtigen Abschlussfilm dar, weil ich darin eine große Herausforderung und einen Reifeprozess erkennen konnte.

Die positiven Erinnerungen der Dreharbeiten ließen mich vor allem in der zähen Postproduktionsphase weiterhin ans Projekt glauben. Die Emotionen waren immer da. Wenn du 2,5 Monate praktisch ohne Unterbruch drehst, die Außentemperaturen innerhalb weniger Tage von brütender Hitze in einen Kälteschock Blizzard purzeln, du im low-budget Bereich arbeitest und gleichzeitig eigentlich noch Weihnachten ist, dann musst du schon sehr, sehr gute Freunde und besessene, leidenschaftliche sowie kreative Filmhandwerker um dich herum haben, die das mittragen. Mit meinen besten Kumpels auf einer verlassenen Goldmine zu stehen, bepackt wie Gebirgssherpas und völlig erschöpft, aber begeistert über die weite Wüste Kaliforniens zu blicken und dabei zu erkennen, wie privilegiert man sich schätzen muss, so was überhaupt zu tun, hat uns alle gestärkt und noch mehr zusammengeschweißt. Die Erfahrungen in der stockdunklen Welt unter der Welt haben unsere Sinne geschärft. Das Gefühl nie zu wissen, was oder wer auf einen zukommt prägte sich bis in unseren Schlaf ein. An jedem Ort, mit jedem Protagonisten, gerate ich noch heute ins Schwärmen, wenn ich über die Dreharbeiten nachdenke. Eine nachhaltige Lebensschule.

Obwohl ich in der I-Phone und Stream Generation lebe und aufwuchs, sehe ich die Stärken dieses Projekts in einem Glauben an das gute alte Kinoerlebnis. Ich habe versucht, weder einen belehrenden Endzeit-Dokumentarfilm-Thriller, noch eine sozialkritische Dokumentarfilmstudie über Obdachlose in den USA zu machen. Da wollte ich nicht hin. Trotz aller Tragik halte ich am lebensbejahenden Inhalt und guten Antrieb des Menschen fest. Ich habe alle meine künstlerischen Freiheiten eines Abschlussfilms genutzt, mich auszutoben und auch das Risiko einzugehen, zu scheitern. Ich habe versucht, meine DNS als Filmemacher zu verfeinern.

Glücklicherweise überwiegen am Ende eines langen Prozesses die Freude und der Vorausblick. Auseinandersetzungen, Tränen, unzählige Nachtschichten und lange Durststrecken gehörten dazu und spiegeln sich in der Achterbahn, die immer einen Platz im Film gefunden hat. Ich glaube, jeder von uns kann von sich behaupten, dass wir das Letzte rausgekitzelt haben für unsere Vision dieses Films. Wir haben Grenzen ausgelotet und sie mehrmals überschritten. Ich bin allen dankbar, die an diesem Projekt mitwirkten, die den Film zeigen wollen und ihn weitervermitteln. Wir bleiben Abenteurer und das soll auch dieser Film sein. Ein Tête-à-tête von Oben nach Unten mit Blick nach Vorne.

Nicolas Steiner, Januar 2015

PRESSE
GESPRÄCH ZUM FILM MIT NICOLAS STEINER (von Philippe Zweifel, Januar 2015)

«Above and Below» verbindet Mars, Erde und Untergrund. Wie kamen Sie auf diese aussergewöhnliche Idee?
Ich werde als Regisseur vor allem von Bildern inspiriert. Meine Fantasie arbeitet so besser, als wenn ich von ausformulierten Prämissen ausgehe. In diesem Fall waren es unter anderem Bilder von Joel Sternfeld; Fotografien von Wüsten und Wasserparks, aufgenommen mit Riesentotalen, wobei auf den Bildern etwas nicht zu stimmen scheint. Sie enthalten ein absurdes Element. Ausserdem studierte ich vor drei Jahren als Fulbright-Stipendiat in San Francisco an der Kunstschule, wo ich mich mit Ghost-Towns beschäftigte. Gleichzeitig ereignete sich das Erdbeben in Japan. Im kalifornischen Santa Cruz schwamm uns beim Surfen eine wahrscheinlich kontaminierte Strassenlampe mit japanischer Aufschrift entgegen. Für den grösseren Gedankengang von «Above and Below» war diese Erfahrung prägend.

Inwiefern?
Ich verstehe mich als Regisseur quasi als Sammler und Jäger. Meine Konzepte und Ideen sind zuerst überbordend. Dann mache ich mich ans Filtern. Ich suche nach Zusammenhängen, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind. Zugleich faszinieren mich simple Vorgänge. Je archaischer, umso besser. Aus solchen Puzzleteilen hat sich denn auch die im Film gezeigte Reise «vom Mars, zur Erde unter die Oberfläche» herauskristallisiert.

Die sogenannten Tunnel-Leute spielen eine zentrale Rolle im Film. Wie erfuhren Sie von ihnen?
Von San Francisco aus unternahm ich immer wieder Trips in umliegende Gebiete. Ich wollte für ein paar Tage raus aus der Stadt und besuchte Las Vegas – eigentlich zur Entspannung, aber der Aufenthalt fühlte sich an, als ob ich auf Steroiden sei: die totale Reiz- und Sinnesüberforderung. Ich streifte benommen durch die Strassen und sah in einem Wassertunnel einen Typen im Einteilerpyjama mit einem Schachbrett. Da konkretisierte sich die Idee zum Film weiter.

Wie sind Sie an Ihre eigenen Tunnel-Leute gekommen?
Ich begab mich sieben Wochen lang in Las Vegas auf Recherche. Zuerst war ich mit einem Journalisten unterwegs, der bereits über die Tunnel-Dwellers geschrieben hatte. Ausserdem studierte ich auf alten Stadtplänen die Tunnels und machte mich auf eigene Faust los, um mögliche Protagonisten aufzuspüren.

Wie gefährlich war das?
Sagen wir es so: Ich würde es heute nicht mehr gleich aufziehen. Befeuert von meiner Idee, begab ich mich leichtfertig in Situationen, die auch anders hätten herauskommen können. Viele der Tunnel-Leute sind zwar liebe Menschen, aber auch schwer Crystal-Meth-süchtig und dadurch unberechenbar. Auf meinen Protagonisten Lalo zum Beispiel stiess ich in einer Röhre, wo sich weder der Journalist noch ein Sozialarbeiter der Stadt hinbegab. Von weitem hörte ich Lalo in der Dunkelheit raunen: «Who is it»? Beim Drehen sagte er mir dann, dass er früher Elektriker und Cage-Fighter war und zwei Leute «durch einen dummen Unfall» auf dem Gewissen habe. Mein Kameramann und ich hatten eine 80’000-Franken-Kamera dabei – da kann es einem schon mal etwas mulmig werden, gerade wenn einen Lalo darauf anspricht, wie teuer so eine Kamera eigentlich sei. Ich denke aber, dass uns diese Leichtfertigkeit als Mut ausgelegt worden ist und Respekt eingebracht hat. Die Recherchephase und Dreharbeiten waren intensiv. Ich hoffe, man sieht das dem Film an. Es ist mir wichtig, das Erlebte zum Erlebnis machen.

Liess die Polizei Sie stets gewähren?
Wir wurden einmal verhaftet. Natürlich hatte ich das im Kopf schon mal durchgespielt, da ich während der Recherche und den Dreharbeiten ständig abgezäunte Gebiete betrat. Und dass Trespassing in Amerika ein folgenschweres Delikt ist, war mir klar.

Was war passiert?
Wir parkten unseren Transporter neben einem Tunnel und hievten in schwarzen Taschen einen Kamerakran hinunter. Jemand beobachtete uns und ging davon aus, dass wir Dynamit und Waffen reinschmuggelten, denn unter dem Tunnel gab es einen zweiten Tunnel: eine Verbindung zwischen zwei Banken.
Die herbeigerufene Polizei drückte uns an die Wand und durchsuchte uns. Interessant dabei war, dass der Polizist mich irritiert anschrie: Warum drehst du deinen Film nicht in Berlin – dort hat es doch auch Obdachlose! Glücklicherweise wurden die Beamten just in diesem Moment über einen bewaffneten Raubüberfall informiert und rückten ab.

Wie wichtig ist das Thema Obdachlosigkeit denn im Film?
Natürlich geht es in «Above and Below» auch um Armut und Obdachlosigkeit. Wenn mein letzter Film «Kampf der Königinnen» als Heimatfilm tituliert wird, dann habe ich jetzt einen Film über Heimatlosigkeit gemacht. Aber nichts liegt mir ferner, als den Amerikanern ihr eigenes Land und ihre Gesellschaft zu erklären. Ich bin den Film denn auch nicht thematisch angegangen, sondern konzeptuell, obwohl am Ende die einzelnen Individuen ganz klar im Mittelpunkt stehen. Es ging mir um «Cowboys, Ghosts und Aliens». Die Idee war, einen Film zu drehen, der den Zuschauer vom Mars auf die Erde hinunterführt und von dort in den Untergrund mitnimmt. Der Film könnte so gesehen auch in der Wüste Dubais spielen. Oder in China. Aber man erkläre das mal einem wütenden Polizisten!

Hätte man den Film auch in der Schweiz drehen können? War das mal eine Überlegung?
Nein, der Film hätte so nicht in der Schweiz gedreht werden können. Filme machen hat nun mal auch immer etwas Abenteuerliches. Und ich hatte meine letzten beiden Filme in meiner Walliser Heimat gedreht. Es war Zeit, loszuziehen und meinen Garten zu verlassen. Es gibt ausserdem ein Schlüsselwort, das ganz wichtig ist für diesen Film: WÜSTE. Trockenheit. Visuelle Schönheit im Zerstörten und Toten. Ich habe in Amerika optimale Bedingungen gefunden, die Themen, Lebensräume, sozialen und politischen Standpunkte, die mich interessierten, aufzugreifen. Schliesslich lebt der Film auch von den Menschen und deren krassen Lebensgeschichten, die mich durch diesen Film geführt haben.

Wie geht es Ihren Protagonisten heute?
Ich habe vor, ihnen den Film an den jeweiligen Drehorten zu zeigen. Ich habe noch Kontakt mit Rick und Cindy, sie sind inzwischen clean. Bei der Mars-Crew stehe ich vor allem mit April in Kontakt. Sie hat ihr Geologie-Studium abgeschlossen und forscht weiter. Dave ist seit einem Jahr verschwunden, ich stehe aber mit seiner Tochter in Verbindung. Er rief mich einmal an, nachdem er seinen alten Camper gegen ein Handy eingetauscht hatte. Ich werde ihn wiederfinden. Bei Lalo sieht es nicht gut aus – ich weiss nicht, ob er noch am Leben ist, er hatte damals einen lebensbedrohlichen Abszess und war gesundheitlich sehr angeschlagen.

Wie sind Sie eigentlich auf diese kuriose Mars-Society gekommen?
Ich sah in einem Magazin am San Francisco Art Institute ein Bild eines einsamen Astronauten in einer roten Wüste. Ich war irritiert, weil ich wusste, dass dort oben doch keiner sein kann! Beim näheren Betrachten sah ich einen Gartenschlauch – und stiess so auf die Mars-Society: Eine Non -Profit-Organisation, die sich für die Erforschung und Besiedlung des Roten Planeten einsetzt. Wissenschaftler, Raumfahrtfans, James Cameron und ein paar Millionäre haben die Gesellschaft in den 90ern gegründet. Die Wissenschaft dahinter interessierte mich zwar auch – aber richtig reizvoll war der trashig-absurde Look der Mars-Leute und ihrer Ausrüstung. Und gleichzeitig ist das Terrain, auf dem sie die Mars-Expeditionen simulieren, von poetischer Verlorenheit.

Sie haben auf klassische Dok-Talking-Heads verzichtet. Warum?
Mein Anspruch und mein Ziel war es, dass sich die Protagonisten möglichst ungezwungen und wohlfühlen, wenn ich mich mit ihnen unterhalte. Ich mag keine klassischen Interviews oder Befragungen. Ich bevorzuge Gespräche. Was nicht heisst, dass ich keine gut ausgeleuchteten Gesichter und Räume schätze – aber ich versuche nicht, solche krampfhaft zu erzwingen. Ich bereite mein Team zwar vor, wann ich ungefähr wohin will, aber Spontaneität und Flexibilität sind mir genauso wichtig. Ich denke, Talking-Heads sind eine Geschmacksfrage und passen nicht zu jedem Inhalt. In «Above and Below» war mir die audiovisuelle Ebene wichtiger als nur präzise Statements.

Der Film ist mit auffallend viel Musik unterlegt.
Insgesamt sind es fast 50 Minuten komponierte Musik. Die Klangspur führt durch den Film. Der Soundtrack entstand teilweise schon vor dem Dreh, aufgrund von Fotos, die ich von der Recherche-Reise mitgebracht hatte. Wir konnten dann schon während des Drehs mit Musik arbeiten. Für mich war schon während der Recherche klar, dass die Musik eine sehr wichtige Rolle spielen wird, weil ja auch einige der Protagonisten Instrumente spielen – etwa Dave mit seinem Schlagzeug, mitten in der gottverlassenen Wüste.

Viele Leute kennen Ihren vielfach ausgezeichneten Kurzfilm «Ich bins Helmut». Wo – falls überhaupt – sehen Sie die Parallelen zu «Above and Below»?
Der Kurzfilm war ein 12-minütiges fiktionales Projekt – und «Above and Below» ein zweistündiger Kinodokumentarfilm. Doch bei beiden Filmen geht es um Leben und Tod, um die Vergänglichkeit. Alles ist schön und gleichzeitig zerstört. Beide Filme arbeiten mit tragischkomischen Elementen und spielen zu grossen Teilen in der freien Natur. Einmal sind es die Berge, einmal die Wüste. Und bei beiden Filmen versuchte ich, das Kino als Abenteuer über Ton und Bild zu nutzen. Bei «Helmut» verschwinden die Kulissen, in «Above and Below» werden sie weggespült.

«Above and Below» ist Ihr Abschlussfilm an der Filmhochschule. Bleiben Sie dem Dokfilm treu?
Ich fühle mich sehr wohl im Dokfilm. Er erweitert den persönlichen Horizont. Auch die äusserst intensive Recherchezeit ist etwas, das ich nicht missen will. In Sachen Fiction schliesse ich allerdings nichts aus, im Gegenteil. Denn auf der formalen Ebene interessieren und inspirieren mich Spielfilme meistens mehr als Dokfilme. Und theoretisch bin ich jetzt ja perfekt gerüstet, um einen richtig tollen Thriller oder ein Drama über die Tunnel-Leute zu drehen. Zumal mir die Serie «True Detective», die ja auch existenzialistische Themen behandelt und in einer kargen Landschaft spielt, gut gefallen hat.

AWARDS
German Film Awards 2016 – Best Documentary & Best Cinematography

Swiss Film Awards 2016 – Best Documentary, Best Editing, Best Mixing

Milano, Milano Film Festival – Students Award (Docucity/UNIMI Award for the Best Documentary on the city) 2015

München, DOK.fest München – Deutscher Dokumentarfilmmusikpreis 2015

Poindimié – Festival International du Cinéma des Peuples «ânûû-rû âboro», Grand Prix du Festival Meilleur longmétrage 2015

Poindimié – Festival International du Cinéma des Peuples «ânûû-rû âboro», Prix du Jeune Public 2015

St. Petersburg – Message to Man International Film Festival, FIPRESCI Award 2015

Warsaw – Docs Against Gravity Film Festival, Millenium Award 2015

Zürich, Präsidialdepartement der Stadt Zürich, Zürcher Filmpreis 2015