Experiment Rojava – Eine Gesellschaft im Aufbruch

58:30 min. / 2019 / Kurdisch, Arabisch, Deutsch (Voice Over: Deutsch; UT: Englisch) / Deutschland

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Tags: Basisdemokratie, Frauenbefreiung, Kooperativen, Kurden, Naher Osten, Rojava, Selbstverwaltung

Das konföderale Demokratiemodell, das die Kurdinnen und Kurden in Rojava im Norden Syriens ins Leben gerufen haben, ist ein authentischer Gegenentwurf zu den Kräften im nahöstlichen Raum.

Buch & Regie: Robert Krieg
Dramaturgie: Monika Nolte

Demnächst auf docfilm42-Channel bei Sooner. Streaminglink folgt in Kürze (Stand 23.1.2021).

Das antihierarchische Modell einer multiethnischen und multireligiösen lokalen Selbstverwaltung, das die Kurdinnen und Kurden im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei ins Leben gerufen haben, ist ein authentischer Gegenentwurf zu den Kräften im nahöstlichen Raum: basisdemokratische Selbstverwaltung, Reorganisation der Ökonomie und Versorgung in Kooperativen, multiethnische, multikulturelle und multireligiöse, Frauen- und Gerechtigkeitszentren. Die Frauen spielen eine entscheidende Rolle: In allen öffentlichen Ämtern sind sie zu 50 Prozent beteiligt

CAST
Fatma Yunis Heci Eli, Nujuda Yunis Sehmus, Fehriya Mihemed Eli, Sheikh Xelil Eloke, Foaz Miho, Muhammad Ali Numat Durea, Suad Ewdilrahman, Felek Mihemed, Welat Salih Mahmud, Mizgin Sexo

CREW
Regie: Robert Krieg
Buch: Robert Krieg
Dramaturgie: Monika Nolte
Beratung/Übersetzung: Ramazan Mendanlioglu
Musik: Ahmad Abdul-Fattah Shwaykh, Hamzah Abdul-Fattah Shwayikh, Ahmad Taj Al-Din, Alan Muhammad Ali Durae
Produktion: WORLD TV Krieg & Nolte

Robert Krieg studierte Soziologie, Publizistik und Ethnologie und arbeitete danach als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Dortmund und den Universitäten Osnabrück und Bielefeld. Für die Robert Bosch Stiftung und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales in Nordrhein-Westfalen war er als Soziologe tätig und führte sozialwissenschaftliche Forschungsprojekte zu den Themenschwerpunkten Marginalisierung und Migration durch.

Seit 1983 arbeitet er hauptsächlich als Dokumentarfilmer in Deutschland, Europa, Lateinamerika und im Nahen Osten. In den 1990er Jahren war er Dozent an der Internationalen Hochschule für Film und Fernsehen in San Antonio (Kuba) und leitete gemeinsam mit Dagmar Wünnenberg in den palästinensischen Gebieten ein von der Europäischen Union gefördertes Ausbildungsprojekt für Radio- und Fernsehjournalismus. 1997 gründete er gemeinsam mit Monika Nolte in Köln eine Autorengemeinschaft und Produktion für Film, Fernsehen und Hörfunk.

Er ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm und im Filmbüro NW, dessen Vorstand er 1989 bis 1992 sowie 2007 bis 2014 angehörte. Seit 2016 ist er zudem Mitglied im Rundfunkrat des WDR.

Das antihierarchische, konföderale Demokratiemodell, das die Kurdinnen und Kurden in Rojava im Norden Syriens an der Grenze zur Türkei ins Leben gerufen haben, ist ein authentischer Gegenentwurf zu den Kräften im nahöstlichen Raum. Die Vehemenz und Gewalttätigkeit, mit der der autoritäre türkische Staat darauf reagiert, lässt erahnen, wie sehr er sich davon in Frage gestellt sieht und befürchtet, dass der Funke dieser ideellen und teilweise bereits vorgelebten Radikalität, mit der die Menschen in Rojava den kulturellen Wandel vorantreiben, auf die eigene Gesellschaft überspringen könnte.

In der Bedeutung, die dieses Projekt der Emanzipation der Frauen zuschreibt, entdecke ich vieles von dem wieder, was ich in den letzten Jahrzehnten bei den politisierten palästinensischen und sahrauischen Frauen beobachten und teilweise filmen konnte. Darauf möchte ich mein Hauptaugenmerk richten: Welche Rolle spielen die Frauen in diesem einzigartigen Projekt. Ich bin sicher, dass die Aufbruchsstimmung, die darin steckt, trotz aller Rückschläge langfristig ihre Spuren hinterlassen wird, – in den Köpfen und Herzen der einzelnen, aber auch darüber hinaus in der Region.

Mich interessieren nicht die Stellungnahmen von Funktionär/innen, Politiker/innen, Ideolog/innen oder hohen Funktionsträger/innen. Mich interessiert der Krieg und der Kombattanten-Status nur insofern, als er Teil des erzwungenen Alltags ist. Viel wichtiger für den Film sind die Projekte und Strukturen, die im Aufbau oder bereits verwirklicht sind: die basisdemokratische Selbstverwaltung, die in der Nachbarschaft beginnt, die Reorganisation der Ökonomie und Versorgung in Kooperativen, das multiethnische, multi-kulturelle und multi-religiöse Konzept der Schulen, Bildungseinrichtungen und Kulturzentren, die Frauenzentren, die Gerechtigkeitszentren, die nicht einen Schuldspruch, sondern eine Versöhnung anstreben.

Natürlich sollen die Widersprüche beim Aufbau einer neuen Gesellschaft im Film deutlich werden: Der Widerspruch von Privat- und Gemeineigentum; der jahrhundertealte Einfluss tribaler, patriarchalischer und religiöser Herrschaftstechniken; der Widerspruch von einer basisdemokratischen Rätestruktur und einem tradierten Parteiensystem, das bisher die politische Macht ausübte; die Konfrontation der Geschlechter mit einem neuen Rollenbild der Frau. Das kann nicht ohne Reibungen und Widerstand vorangehen. Offensichtlich finden die großen Umwälzungen weitgehend ohne Zwang statt, das vorhandene Privateigentum bleibt unangetastet, und die Menschen rühmen sich, dass kein Blut vergossen wurde.

Eine Kernfrage, die mich seit Jahrzehnten umtreibt, bleibt für mich die Rückkehr der Kombattanten und Kombattantinnen in zivilgesellschaftliche Strukturen: Wie kann verhindert werden, dass die Logik einer notwendigerweise hierarchisch angeordneten Kommandostruktur ihre autoritären Spuren einer Gesellschaft aufdrückt, die sich zu radikaler Demokratie verpflichtet hat? Oder ist es möglich, dass eine Gesellschaft im Krieg, wie Janet Biehl* schreibt, ihren Menschen mehr demokratische Freiheiten zugestehen muss, um sie für den Widerstand gegen IS und das türkische Militär mobilisieren zu können? In den nach wie vor besetzten palästinensischen Gebieten ist die Entwicklung einer Zivilgesellschaft, die wirksamen politischen Einfluss nimmt, praktisch gescheitert. Eine Unzahl internationaler NGOs hält ihre Reste künstlich am Leben. Das Resultat ist eine Entpolitisierung, der Rückzug ins Private. Wird Rojava eine andere Zukunft haben?

*Janet Biehl war Murray Bookchins Lebensgefährtin und Mitarbeiterin. Murray Bookchins Schriften zu einem kommunitären, rätedemokratischen Gesellschaftsmodell sind die zentrale Inspirationsquelle für das Projekt Rojava