GE8EN. Regie: Sibylle Kappes

GE8EN

48 min. / 2013 / Deutsch (UT: Englisch) / Deutschland

Playlists: , ,

Tags: Demonstration, Ethik, G20, Gerechtigkeit, Gewalt, Gleichberechtigung, Globale soziale Rechte, Globalisierung, Hamburg, Kapitalismus, Konflikte, Linke, Medien, Politik, Polizei, Protest, Repression, Riot, Widerstand, Wirtschaft, ziviler Ungehorsam, Zivilgesellschaft

GE8EN ist das fragmentarische Portrait einer Protestkultur zwischen Polizei und Party. Anlässlich des G8 – Gipfels in Heiligendamm fragt es nach der Darstellbarkeit von Wirklichkeit in der chaotischen Hochdruckzone zwischen Macht und Gegenmacht.

Produktion: sybel.m
Kamera: Steffanie Peppa Meisner, Sibylle Kappes
Schnitt: sybel

GE8EN ist das fragmentarische Portrait einer Protestkultur zwischen Polizei und Party. Es fragt nach der Darstellbarkeit von Wirklichkeit in der chaotischen Hochdruckzone zwischen Macht und Gegenmacht. Während der Proteste anlässlich des G8­Gipfels in Heiligendamm dokumentieren sich Teilnehmende selbst.

Amateuraufnahmen von Gewohnheitsdemonstranten und Bilder von Überwachungskameras werden montiert, Pressemeldungen und ­zitate eingefügt. Auf eine „Story“ wird bewusst verzichtet. Die Filmemacherin minimiert somit den kommentierenden Eingriff, die Chronologie der Szenen bleibt authentisch. Bild und Tonmaterial werden gegeneinander montiert und erweitern die Perspektive.

Der Zuschauer wird zum Zeugen, zum Teilnehmer, zum Voyeur, zum Gegner, zur Projektionsfläche. Dieser Film ist nicht konsumierbar, er fordert heraus. Wer sich einlässt, wird auf sich zurückgeworfen und muss sich orientieren in einer Situation, in der Subjektivität durch Masse aufgehoben und Objektivität nicht möglich scheint.

Dokumentarische Collage
Format: 16:9, Stereo 5.1, BluRay
Länge: 48 min.

Regie: Sibylle Kappes

Produktion: sybel.m

Verleih: Arsenal-Distribution

Unterstützt durch: Kulturelle Filmförderung Bremen

Crew
Kamera: Steffanie Peppa Meisner, Sibylle Kappes
Kamera Vorbereitung: Peter Pryzybylski
Contribution Activists: Freundeskreis Videoclip, Sozialistische Falken Berlin, Movimento, Meinhardt von den Clowns
Ballon-Cam Operator: Filip aus der Marie
Kameradrohne: einer vom CCC
Yuppi-Koffey und Basisbus: Alex Alte
Interviewpartner: Hans-Christian Ströbele
Schnitt: sybel
Schnittassistenz: Gregor Bartsch
Tonmeister: Andreas Ruft
Tonbearbeitung: Tobias Bilz
Mischung: Niklas Kammertöns,
Covertext: Jan Rasmus Heumann
Presseredaktion: Ralf Krämer
Graphik: Charlotte Steuer
English Translation: Brian Duncan
Rechtsberatung: Christine Gruenther
Aktionswebseite: Sebastian Strombach

Premiere: Bremer Kunstfrühling
Festivals: VisionduReal Market
VoD: RealEyz Eyz Media

Sibylle Kappes
1994 Abitur in Winsen Luhe. 1995 – 1997 Reiseaufenthalt in Nord- bis Südafrika. 1999 – 2000 Grundlagenstudium an der Freie Kunst- schule Berlin, in Anschluss Arbeit als Free- lancer bei Film- und Fernsehen. 2001 – 2003 NLP Master und Coach, gleichzeitig Gründung des EU-geförderten k- projekts. Damit Ausein- andersetzung mit sozialverträglicher Werbung und erste installationshafte Arbeiten im öffent- lichen Raum. Später ergänzend BA Deutsche Literatur/ Philosophie mit Nebenhörerschaften an der HFS Ernst Busch und KH-Weißensee. 2018 Grenzgängerin der Robert Bosch Stiftung. Seit 2014 im Arsenalverleih. Lebt als Filmemacherin in Berlin. Zur Webseite.

Filme
2013 GE8EN – DIE KAMERA LÄUFT MIT – Kollage des Antiglobalisierungprotestes zum G8 in Heiligendamm. Regie, Produktion, Schnitt. Kulturelle Filmförderung Bremen, 48 min, Arsenal Distribution – institut für film- und videokunst
2011 FORUNDJE – WEISSER – Begegnungen mit Kindern am Wegesrand. Kollage. Regie, Kamera, Schnitt. 60 min, Arsenal Distribution – institut für film- und videokunst
2005 K-PROJEKT – Generation2. 3 Social- Spots sozialverträgliche Werbung. Konzept und Regie.
2001 K-PROJEKT – Generation1. 4 Social- Spots sozialverträgliche Werbung. Konzept und Regie. Micropolis Pilot für Berliner Kinos

Interview mit der Filmemacherin

Sybel, Dein letzter Film „Forundje – Weißer“ erzählt von Begegnungen mit Kindern in Äthiopien. „G8ten“ stürzt nun ins Getümmel eines Massenprotests. Haben die beiden Filme etwas gemeinsam?

Beide sind sehr dicht an ihrem Umfeld dran, es befindet sich kaum Abstand zwischen Kamera und Protagonisten. In den Aufnahmesituationen war der Mensch präsenter als die Technik. Normalerweise befindet sich ein Kamerateam sofort in einer Glasglocke von Professionalität, die bei den Menschen drum rum zu Schaulust, Ehrfurcht oder Abwehr führt. Dies ist in den beiden Filmen nicht der Fall. Dadurch gibt es Momente hoher Authentizität. Natürlich auch dadurch, dass die Aufnahmesituation an sich thematisiert wird.

Welche Stoffe interessieren Dich als Filmemacherin?

Ich glaube, ich gehöre zu den Menschen, die immer wieder über das Thema Macht und Ohnmacht stolpern. Dabei würde ich gar nicht sagen, dass es mich als Filmemacherin interessiert, es ist eher so, dass dieses Thema mich persönlich gepackt hat und nicht mehr los lässt. Ich würde gerne mal eine romantische Liebeskomödie machen, für den emotionalen Ausgleich.

Wie kam es zu dem Projekt „GE8EN“?Schon aus meiner Vita heraus, aus den eigenen frühen Protesterfah-rungen. Und dann aus der Begegnung mit einer Freundin, deren Lebensweg ganz eng mit der Protestbewegung verknüpft geblieben ist. Sie hatte zu ihrem Geburtstag eine Videoabend mit Indymedia Material organisiert. Da waren Bilder aus Genua, die mich sehr getroffen haben, die Gewalt, das viele Blut. In den (Mainstream-)Medien wurde über Genua vor allem vom Tod des Demonstranten Carlo Giuliani berichtet. Über Umstände vor und nachher aber nicht. Die Bilder des überaus brutalen Polizeieinsatzes waren also völlig neu für mich. Ich hab mich gefragt, warum wird das nicht in den Medien berichtetet, was ist hier los? Von da an hab ich angefangen, zu recherchieren. Das sollte eigentlich eine größere Arbeit über die Protestbewegung werden. GE8EN ist jetzt, was möglich war.

Siehst Du Dich als Teil so einer Bewegung?

Nein. Anfangs dachte ich, ja klar, ich war doch dabei, ich gehöre dazu. Aber dann hab ich verstanden, dass so ein Bewegung ein ganz eigenes, durchaus engmaschiges Netzwerk ist. Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben darin, haben ganz spezielle Werte und Umgangsformen entwickelt. Solche Leute haben mich eher als Fremdkörper oder Eindringling wahrgenommen. Vertrauen war ein ganz wichtiges Thema. Es ist sehr schwer, Vertrauen zu erhalten, wenn die Atmosphäre so unter Druck ist, wie sie es in der „Szene“ vor dem G8-Gipfel war. Es gab viele Hausdurchsuchungen, Überwachung und andere Arten der Repression. Da hatte sich schon einiges zugespitzt. Auch führt die Praxis der V-Männer dazu, das leicht ein unterschwelliges Misstrauen entsteht: Ist diese Fremde möglicherweise eingeschleust, um Informationen zu beschaffen?

Das heißt, Du warst als Mensch mit Kamera erstmal verdächtig?

Zumindest werden Menschen, die Medien machen, mit besonderem Misstrauen geprüft, weil es so viel unqualifiziert und manchmal regelrecht verzerrte Berichterstattung gibt. Das war also eine schwierige Situation. Auf der anderen Seite gibt es natürlich auch Indymedia und den Videoaktivismus, eine unabhängige Amateurberichterstattung, die den professionellen  Mainstreammedien entgegen gestellt wird. Unser Team hat sich so weit wie möglich auf die Videoaktivismusseite gestellt. Trotzdem war da natürlich immer wieder dieser Puschel.

Welche Rolle spielen die Medien für eine systemkritische Protestbewegung?

Eine ganz schwierige. Einerseits sind sie auf Medien angewiesen als ihr Sprachrohr. Es geht ja tatsächlich nicht um Krawall, sondern um inhaltliche Kritik an ungerechten und oft einfach unmenschlichen Zuständen in der kapitalisierten globalen Welt. Aktive engagieren sich für die Beendigung des Leidens anderer, die selbst die Möglichkeit dazu nicht haben. Weil diese zu arm und ungebildet sind, oder weil sie nicht in die Gruppe der Verhandelnden gehören, wie Tiere und Pflanzen, denen ja wenig bis keine Rechte zugestanden werden. Sie drücken aber auch ihr eigenes Unbehagen in einer derartig funktionalisierten Kultur wie unserer aus. Das Problem mit den Medien ist dabei, dass diese Teil der Funktionalisierung sind. Einerseits braucht man sie als Sprachrohr, andererseits verändern diese die Bilder und Botschaften für ihre Zwecke. Das wird dann als Manipulation erfahren. Zum Beispiel werden die Szenen des schwarzen Blocks gerne sehr weit nach vorne gespielt und aufgebauscht, vermutlich weil sich Gewalt gut verkauft. Dabei ist diese Gruppe im Protestgeschehen eher eine Randerscheinung, eine Minderheit.

Kannst Du ein Beispiel so einer „Aufbauschung“ nennen?

In Rostock hat am Nachmittag der Auftaktkundgebung genau ein Auto gebrannt. Diese Auto ist in fast jeder Tageszeitung abgebildet worden, zum Teil sogar mehrfach auf einer Seite, aber aus verschiedenen Perspektiven. Man konnte meinen, die Stadt liegt in Schutt und Asche. Einige der späteren Polizeiangaben sind auch nachweislich falsch gewesen. Zum Beispiel, dass sie keine Zivilfahnder unter den Demonstranten eingesetzt hätten, oder dass Clowns mit einer ätzenden Flüssigkeit gespritzt hätten. Aus diesem Grund hat sich in der Protestbewegung eine unabhängige Berichterstattung herausgebildet. Der sogenannte Medienaktivismus. 

In Zeiten vor You-Tube war das erstaunlich authentisches Material, das ganz andere Seiten zeigte. Leider ist dieses Material oft sehr ermüdend aufbereitet, oder ahmt in technisch nachlässiger Form konventionelle Berichterstattung nach. Damit produziert es aber dasselbe Problem, die oben beschriebe Verzerrung. Ich denke, es ist ein systemimmanentes Problem. Man braucht neue Formen, um authentisch und trotzdem interessant berichten zu können.

Hast Du schon ein neues Projekt?

Ja, zwei. Zum einen wird es eine Anknüpfung an „Forundje“ geben: eine Langzeitstudie über das Leben im Himalaja, zwischen Kapitalismus und Tradition. Es ist auch eine Reflexion über Armut, und die eigenen Werte. Das andere liegt noch ganz in Gedanken, aber es wird eine szenische Arbeit über das Erbe der Kriegsenkelgeneration, also über uns. Beide sind noch ohne Produktion.

Das Interview führte Ralf Krämer

Link zu docfilm42-Artikel von Sibylle Kappes.

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