Im freien Fall. Regie: Susanne Schüle & Elena Levina

Im Freien Fall

89 min. / 2017 / (UT: Deutsch) / Deutschland

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Tags: Alternative Lebensformen, Armut, Ethik, Geschichte, Gesellschaft, Klimawandel, Kultur, Landwirtschaft, Ökologie, Russland, Wissenschaft, Zivilgesellschaft, Zukunft

Boris und Marina gehören einer ehemaligen stolzen Hirtenfamilie aus dem Altaigebirge an, der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Lebensgrundlage entzogen wurde. Als eines Nachts radioaktiver Weltraumschrott neben ihrer Hütte aufschlägt und die beiden geistesgegenwärtig Schadenersatz von der russischen Weltraumorganisation Roskosmos fordern, geht ihre Geschichte um die Welt. Hier fängt der Film an, aber hört nicht bei der Sensation auf, sondern taucht tief in das Leben von Menschen ein, die nach fernen politischen Veränderungen einfach vergessen wurden.

Regie: Susanne Schüle & Elena Levina
Kamera: Susanne Schüle
Schnitt: Franziska von Berlepsch
Produktion: Susanne Schüle Schüle Filmproduktion

Unweit der Mongolischen Grenze liegt auf russischer Seite das Altai Gebirge. Dort lebt auf einer abgelegenen Alp der Schafhirte Boris Urmatow. In einer frostigen Winternacht reißt ein lauter Knall den Mann mit ledergegerbtem Gesicht aus dem Schlaf. In seinem Garten ist ein hundert Kilo schweres Raketenschrottteil gelandet. Nur knapp hat es seine Hütte verfehlt.

Als der einfache Mann, der kaum lesen und schreiben kann, realisiert, dass es sich um ein Teil einer ‚Sojus‘-Rakete handeln muss, meldet er den Vorfall gemäß Vorschrift der Zivilschutzbehörde. Wenig später landen die Mitarbeiter der russischen Weltraumbehörde Roskosmos mit einem Helikopter, um das Schrottteil abzutransportieren. Urmatow verlangt- angestachelt von den herumstehenden Leuten – eine Entschädigung von einer Million Rubel, etwa 25.000 Euro. Um seine Forderung nach einer Entschädigung zu bekräftigen, hat er eine Klage eingereicht. Aber diese ist im Labyrinth der russischen Bürokratie verschwunden und Boris Urmatow müsste eigentlich regelmäßig in die nächstgegelene Provinzstadt reisen, um sich um das Verfahren zu kümmern. Die 40 Rubel aber für die Fahrkarte kann er nicht aufbringen. Er ist wie die meisten Menschen hier arbeitslos. Und wenn er etwas Geld hat, dann kauft er sich davon lieber eine Flasche Wodka.

Bereits zu sowjetischen Zeiten wurde die von riesigen Wäldern überzogene Gegend im Altai Gebirge zur Abwurfzone von abgestoßenen Raketenstufen erklärt. In diesem „Planquadrat 310“ – wie es die Moskauer Bürokraten nannten – wohnt unser Protagonist. Ausgehend von Urmatows Geschichte entsteht ein dokumentarisches Roadmovie, das in die Kultur und in den Alltag der indigenen Altai-Bevölkerung eintaucht. Ein Volk, das mit anachronistischen Mitteln versucht, seinen bedrohten Lebensraum ins dritte Jahrtausend hinüber zu retten.
Auf der Reise durch das „Planquadrat 310“ werden wir Zeuge von skurrilen Geschichten voll Witz, Trauer und Wut. Wenn die Überreste der Transportraketen von GPS, Mobilfunk und Nachrichtensatelliten auf den Erdboden prallen, treffen Welten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Im freien Fall, 89 min, 2017, Deutschland

Regie: Susanne Schüle
Co-Regie: Elena Levina
Autorin: Susanne Schüle
Co-Autor: Aldo Gugolz
Kamera: Susanne Schüle
Tonaufnahmen: Elena Levina
Zusätzliche Tonaufnahmen: Helge Haack
Schnitt: Franziska von Berlepsch
Vorschnitt: Susanne Schüle
Sounddesign: Andreas Mohnke
Komposition: Nogon Schumarov

Produktion: Susanne Schüle / Schüle Filmproduktion
Co-Produktion: RBB
Redakteur: Jens Stubenrauch

Partner
gefördert von
DEFA Stiftung
Robert Bosch Stiftung “Grenzgänger
Kulturverwaltung des Berliner Senats-Künstlerinnenprogramm
Filmbüro Bremen e.V. aus Mitteln der Bremischen Landesmedienanstalt
Gerda-Weiler-Stiftung

In Koproduktion mit
Rundfunk Berlin Brandenburg

Susanne Schüle
Studium an der Filmhochschule „Konrad Wolf“ in Babelsberg im Fachbereich Kamera, Diplom mit Auszeichnung.
Sie dreht als freischaffende Kamerafrau Kinodokumentarfilme und wurde auf internationalen Festivals schon mehrfach für ihre Bildgestaltung ausgezeichnet. (Die Filme erhielten u.a. den deutschen Kurzfilmpreis, die goldene Taube in Leipzig, den Bayerischen Dokumentarfilmpreis, den Hessischen Filmpreis, den Dekalog-Filmpreis und den Grimme Preis. )
„Im freien Fall“ ist ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm als Regisseurin.

Elena Levina
Elena Levina studierte Journalistik an der Staatlichen Universität Moskau. Danach arbeitete sie als Journalistin in Deutschland für Radio und Fernsehredaktionen sowie als Regieassistentin und Coautorin von Dokumentarfilmen. Sie initiiert deutsch/russische Kulturprojekte und arbeitet in Berlin als Übersetzerin.
„Im freien Fall“ ist ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm als Regisseurin.

Presse
„Der Dokumentarfilm von Susanne Schüle und Elena Levina zeigt eine noch wenig bekannte Region der Erde: den russischen Altai. Hier leben die Menschen noch langsam, haben viel Zeit. Der Film lässt sich auf ihr Lebenstempo ein, gibt ihnen Zeit zum Erzählen.

Die Bewohner des Altai wurden im zaristischen Russland erst Opfer der brutalen Russifizierung, dann hat man sie mit nicht weniger rücksichtsloser Gewalt ins sowjetische System gepresst. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden sie sich selbst überlassen.

Die Autorinnen nähern sich unaufdringlich und behutsam ihren Protagonisten, die nach und nach die Scheu verlieren und ihre Geschichte erzählen, ihren Alltag schildern, der geprägt ist vom Kampf ums Überleben. In großartigen poetischen Bildern erscheint die Landschaft des Altaigebirges vor uns, die bedroht ist von dem möglicherweise verseuchten Weltraumschrott, der nach so manchem Raketenstart im kasachischen Baikonur auf sie niedergeht. Ein eindringlicher, ruhiger, wichtiger Film über die Vernichtung einer alten Kultur, über gewalttätige Fortschrittstechnik und über vergessene, verlorene Menschen.“

Natascha Wodin, Schriftstellerin
2017 Leipziger Buchpreis für Sie kam aus Mariupol